Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft mbH Ein neues Wahrzeichen für Hamburg

Vor einem Jahr wurde die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet und bereits jetzt gilt sie als Maßstab gebend in Sachen Akustik. Das Technikteam der Elbphilharmonie realisierte mithilfe der CAD-Software Vectorworks Spotlight den licht- und tontechnischen Ausbau der Konzertsäle vor der Eröffnung – und setzt auch im laufenden Betrieb ganz auf die speziellen Funktionen der Standardsoftware in der Veranstaltungsbranche.

Die Elbphilharmonie bei der Eröffnung im Januar 2017

Ein Jahr lang begleiteten wir das Technikteam der Elbphilharmonie während der Planungsphase. Hier berichtet Matthias Baumgartner, wie er die Herausforderungen während dieser spannenden Zeit meisterte und wie er Vectorworks in Kombination mit Braceworks auch im laufenden Produktionsbetrieb erfolgreich einsetzt.

Der Konzertbereich: das Herz der Elbphilharmonie Hamburg

Das Herz der Elbphilharmonie ist der große Konzertsaal. Wie auf Weinbergterrassen sind dort circa 2.100 Plätze um eine mittig liegende Bühne angeordnet. Kein Zuhörer ist weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Eine außergewöhnliche Nähe zum Geschehen macht diesen neuen Klang-Raum zu einem Ort für unvergessliche musikalische Begegnungen. Für die optimale Akustik haben die Architekten gemeinsam mit dem international renommierten Akustiker Yasuhisa Toyota eine besondere Wand- und Deckenstruktur entwickelt – die »Weiße Haut«. 10.000 millimetergenau und individuell gefräste Gipsfaserplatten streuen den Schall gezielt in alle Winkel.

Der große Konzertsaal ist das Herz der Elbphilharmonie

Eine systematische Planflut

75.000 bis 100.000 Pläne und Zeichnungen – diese komplexe Datenstruktur stand dem Team des licht- und tontechnischen Ausbaus der Elbphilharmonie während der Planungsphase zur Verfügung. Dabei gab es zu jedem der 26 Geschosse nicht nur Übersichtspläne, sondern auch Decken-, Wand- und Bodenspiegel, um deren Aufbau zu veranschaulichen. Zusätzlich wurden für jedes Gewerk, egal ob Starkstrom, Schwachstrom, Klima- und Kältetechnik oder die Bestuhlung, eigene Pläne erstellt. Unterschiedliche Versionen dieser Pläne, angefangen beim Planungsentwurf und der Ausführungsplanung bis hin zur finalen Dokumentation, vervollständigten schließlich diese unglaubliche Datenmenge.

Von Seiten der Architekten wurde das Gebäude komplett in einem 3D-Modell geplant, aus dem sich die Bau- und Nachunternehmer ihre 2D-Pläne erzeugt haben. Aus den einzelnen 2D-Plänen wurden dann alle relevanten Informationen wie Wände, Bestuhlung, Stromanschlüsse, Raumbezeichnungen, Lampen und Leuchten, extrahiert und in neue, für das Technikteam sinnvolle und praktikable Pläne, zusammengefügt.

Alle relevanten Funktionen in einer Software

Obwohl sämtliche Pläne als DWG zur Verfügung standen, entschied sich das Technikteam für Vectorworks, den Standard in der Veranstaltungsbranche:

„In Vectorworks Spotlight werden spezielle und für uns relevante Funktionen vereint, so dass wir ohne zusätzlichen Softwareeinsatz beispielsweise Lichtstimmungen simulieren können und die Beleuchtungsstärken auf der Bühne einschätzen können“, sagt Matthias Baumgartner.

Projektleiter Matthias Baumgartner bei der Arbeit

Auch die Funktionen wie intelligente Scheinwerfer erleichtern bei der Planung von Sonderproduktionen enorm die Dokumentation und Kommunikation mit externen Dienstleistern. Die Aufteilung in Klassen, Ebenen und die Darstellung im Ansichtsbereich ist ein sehr wichtiger Vorteil für Matthias Baumgartner.

3D im Flächenland

Nachdem die Pläne als 2D-Fächen angelegt wurden, ging es im nächsten Planungsschritt darum, eigene Symbole zu zeichnen und zu strukturieren. Dem Technikteam stellte sich die Frage, ob die Symbole in 2D, 3D oder als Hybrid gezeichnet werden sollten. Die Entscheidung fiel schließlich auf intelligente Hybridsymbole:

„2D-Symbole würden zwar für 2D-Pläne vollkommen ausreichen, um aber Herr über die Sichtachsen in der Elbphilharmonie zu werden, musste ich mir einen Trick ausdenken, den ich vorher so noch nicht gesehen habe“, erklärt Matthias Baumgartner.

„In normalen Theatern lassen sich die Sichtachsen meist recht schnell und einfach überblicken, da sie eher wie Schuhkartons aufgebaut sind“, veranschaulicht der technische Projektleiter. Im Großen Saal der Elbphilharmonie verhält sich dies anders: „Er ist eher wie ein asymmetrischer Weinberg angeordnet und mit dem an der Decke angebrachten Canopy als akustischer Reflektor sind die Sichtachsen nicht auf den ersten Blick erkennbar.“

Das Canopy als akustischer Reflektor im Großen Saal

Das 3D-Modell der Architekten war für die Beurteilung zu unhandlich und nicht für den Gebrauch in der Veranstaltungsbranche optimiert.

Matthias Baumgartner verwendete deshalb die 2D-„Draufsicht“ und einen 2D-„Schnitt“, um die Objekte im dreidimensionalen Raum zu verorten. „Dabei war es wichtig, den Schnitt um 90 Grad zu drehen, so dass Schnitt und Schnittachse parallel liegen“. Um beide Ansichten richtig im Raum anzuordnen, musste er sich dann nur noch einen Referenzpunkt, zum Beispiel die Mitte des Canopy, suchen. „Wenn man dies geschafft hat, hat man die meiste Arbeit schon hinter sich“, hebt Matthias Baumgartner hervor.

Draufsicht mit Schnittachse

Sobald alle Symbole als Hybride angelegt sind, können in der Draufsicht die Traversen, Scheinwerfer, Lautsprecher und Motoren eingezeichnet werden. Im Anschluss können die Symbole in der Z-Achse verschoben werden und wenn man dann zum Beispiel in die Seitenansicht wechselt, sieht man alle Objekte im Raum im Schnitt. Außerdem können in einem komplexen Raum Sichtachsen oder Sichtflächen, die sich im Raum „bewegen“, ganz gut eingeschätzt werden.

Klassen, Ebenen und Ansichtsbereiche – vereint in einem Plan

Neben dem komplexen Großen Saal gibt es in der Elbphilharmonie zwei weitere Konzertsäle: den Kleinen Saal und das Kaistudio 1. Für alle drei Säle gibt es als Arbeitsgrundlage jeweils einen Masterplan für alle Zeichnungen, die erzeugt werden. In diesen Masterplänen sind neben dem Grundriss und Schnitten sämtliche relevante Informationen eingezeichnet.

„Von Scheinwerfern und Versatzkästen für Audio/Video und Szenische Beleuchtung über Hängepunkte, Motoren, Traversen und Bestuhlung bis hin zu einzelnen Stromanschlüssen kann man alles finden, was man braucht“, führt Matthias Baumgartner aus.

Da sich der Große Saal über mehrere Stockwerke erstreckt, nutzt der Projektleiter die Möglichkeit der Ebenen und Klassen:

„Ein Scheinwerfer ist zum Beispiel einer bestimmten Klasse zugeordnet und ein bestimmter Scheinwerfer ist dann zusätzlich einer bestimmten Ebene zugeordnet. So ist es problemlos möglich, gleiche Objekte über mehrere Etagen zu verteilen und auch einzeln anzeigen zu lassen. Wunderbar also, wenn man nur mal kurz sehen möchte, wie viele Stromanschlüsse zum Beispiel im 12. OG vorhanden sind.“

Im Raum verortete Scheinwerfer

Die Masterpläne sind dadurch sehr komplex und weisen etwa 100 Klassen und teilweise bis zu 20 Ebenen auf. Für bestimmte komplexe Sonderproduktionen werden daraus dann Kopien erzeugt und in eigenen Projektordnern abgelegt, in denen dann alle Mitarbeiter weiterarbeiten können, ohne den Masterplan und die Arbeitsgrundlage versehentlich zu verändern.

Die Hybridsymbole liegen in einer eigenen Masterdatei für Symbole, die im Zubehörmanager als Favorit hinterlegt ist, damit die Symbole für jede Datei, die neu angelegt oder bearbeitet wird, verwendet werden können:

„Diese Symbolmasterdatei hüte ich wie meinen eigenen Augapfel, denn sie begleitet mich nun schon seit einigen Jahren und wird stetig vergrößert und verbessert. Einfügepunkte von Scheinwerfern werden beispielsweise so gewählt, dass eine hängende Lampe tatsächlich mit der Hängeklaue in der Traverse hängt oder dass eine Plugbox auf der Traverse liegt. Das sind Kleinigkeiten, die die Arbeit aber erheblich erleichtern und wodurch die 3D-Darstellung von Anfang an richtig erzeugt wird.“

Ansicht von vorne mit einer orthogonalen Perspektive

Braceworks: Ersatz für Zettel, Stift und Taschenrechner

Mit der Einführung von Vectorworks 2018 wurden die Hängepunkte im Plan überarbeitet. Wo früher ein „klassisches“ Hängepunktsymbol war, liegt nun ein aus Vectorworks Spotlight bekannter Kettenzug. „Mit dem Zusatzmodul Braceworks ist es mir jetzt möglich, unsere Hängepunkte bequem in Hinblick auf eingebrachte Lasten zu betrachten“, erklärt Matthias Baumgartner.

Rigging-Analyse mit Braceworks

„Bei Sonderveranstaltungen bei denen wir zusätzliche Veranstaltungstechnik von uns einbringen, wird im Vorfeld immer eine Statik und eine Lastannahme erstellt, damit wir gar nicht erst in die Verlegenheit kommen können, dass ein Kettenzug in Überlast geht und auf halbem Weg im Saal hängen bleibt. Wo früher Zettel, Stift und Taschenrechner meine Begleiter waren, hilft mir jetzt Braceworks dabei, schnell eine Lastannahme auf Plausibilität zu prüfen.“

Weitsichtige Austauschfunktion

„Auch wenn wir selbst Vectorworks verwenden, soll es ja Firmen geben, die dies nicht tun. Also ist es wichtig, einen funktionierenden Datenaustausch zu gewährleisten“, findet Matthias Baumgartner. Glücklicherweise bietet Vectorworks die weitsichtige Funktion des Im- und Exports in andere Formate – sowohl in ältere Vectorworks-Versionen als auch in DWG. Gut und ordentlich angelegte PDF-Dateien eignen sich wunderbar als Grundlage für technische Zeichnungen.

Sollte man mit einem Partner zusammenarbeiten, der ein anderes Zeichenprogramm nutzt, empfiehlt Matthias Baumgartner, sich mit dem Gegenüber gut abzusprechen und die grundlegenden Planunterlagen aufzubereiten. Außerdem sollte man im späteren Austausch nur noch zwei oder drei Referenzpunkte für mögliche Änderungen oder Sonderproduktionen verwenden.

Elbphilharmonie

Immer ein offenes Ohr

„Zu guter Letzt freue ich mich über die Entscheidung, Vectorworks zu nutzen, nicht nur dank der umfangreichen Funktionen, sondern auch weil wir einen sehr guten und nahen Kundenservice und Partner haben, der sich zeitnah um Fragen und Probleme kümmert und auch auf Kundenwünsche eingeht und lösungsorientiert denkt“, sagt Matthias Baumgartner. Sein Dank geht deshalb an den lokalen Vectorworks-Partner CADLIFE GbR in Hamburg und insbesondere an Marvin Säuberlich, der tatkräftige Unterstützung während des Planungsprozesses leistete.

Zahlen und Fakten:

  • Generalintendant: Christoph Lieben-Seutter
  • Kaufmännischer Direktor: Jack F. Kurfess
  • Künstlerische Betriebsdirektorin: Petra Gaich
  • Technische Leitung: Dennis Just
  • Großer Konzertsaal: ca. 2.100 Sitzplätze
  • Reflektor: 24 t Stahlkonstruktion, 100 t Stahl inkl. Nutzlasten, Bühnentechnik und Verkleidung, 270 m2 Bühnenfläche

Elbphilharmonie und Laeiszhalle werden unter einer Generalintendanz geführt.

www.elbphilharmonie.de

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