BIM-Talk von ComputerWorks Länderübergreifender Erfahrungsaustausch

Im Rahmen des KickOff Events für Vectorworks 2020 lud ComputerWorks ausgewählte Architekten und BIM-Spezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur offenen Diskussion im Rahmen ihrer „BIM-Talks“ ein. Die Ergebnisse des konstruktiven 
Dialogs legen nahe: Wir sitzen alle in einem Boot und rudern (fast) in die gleiche Richtung.

7 Architektinnen und Architekten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutierten beim BIM-Talk
Die Gesprächsrunde mit 7 Architektinnen und Architekten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde von Tim Westphal (2. v. rechts) moderiert

Individuelle Wege. Viele Meinungen. Ein Ziel.

Deutschland, Österreich und die Schweiz liegen geografisch eng beieinander, kulturell sowie baukulturell sind die Unterschiede jedoch unverkennbar. Gilt das ebenso für die digitale Planungskultur in den drei Ländern – oder rücken wir hier dichter zusammen, als wir es bisher glaubten?

Seriöse Einschätzungen über den Sinn und den Wert einer tiefgreifenden Innovation lassen sich erst im Rückblick geben. Dann belegen die Richtigkeit von Annahmen oder fatale Fehleinschätzungen die Potenziale und den Nutzen vermeintlicher Menschheitserfindungen – oder stufen sie zu unsinnigem Bastlerquatsch herab. Im Rückblick der letzten 30 Jahre ist es sicherlich das Internet und die damit verbundenen globalen Entwicklungen, allen voran die Digitalisierung unseres kompletten Alltags- und Berufslebens, dessen Auswirkungen und Wichtigkeit lange Zeit unterschätzt wurde.

BIM ist keine Modeerscheinung

Vorab-Einschätzungen und Langzeit-Prognosen bergen also ein hohes Risiko, nicht einzutreffen. Das gilt genauso fürs Bauen. So kann man zur aktuellen Debatte über digitale Planung und BIM oder die Digitalisierung des Bauwesens durchaus argumentieren: „Das sitze ich mal aus. Davon spricht bald keiner mehr.“ Das ist ein Standpunkt, den jeder für sich vertreten darf. Ohne Frage. Doch es ist der falsche. Denn die Realität bietet bereits einen verlässlichen Blick, auf das, was uns in nächster Zukunft im Architektur- und Planungsbüro oder auf der Baustelle erwartet.

„Verschiedene Länder haben andere Regeln. Aber die Probleme in der Planung sind überall die gleichen.“
-
Burkard Illig, ARP ArchitektenPartnerschaft, Stuttgart (D)

BIM sollte in unserem Land jeder Architekt und Planer als einmalige Chance begreifen, sich für seine persönliche Zukunft zu positionieren. Auftraggeber werden bereits BIM-neugierig; der Bund geht bei BIM ab 2020 voran. Für seine Bauvorhaben wird die digitale Planungsmethode verbindlich. Und verstehen die Bauherren, Eigentümer und Immobilienbetreiber irgendwann, dass BIM wesentliche Folgekosten im aufwendigen Gebäudebetrieb senkt, werden sie die modellorientierte BIM-Planung von ihren Planern für jedes Projekt fordern. Daran besteht kein Zweifel.

Das Headquarter von Scott in Givisiez wurde von IttenBrechbühl mit der BIM-Methode geplant.

Eigene Standards mit ähnlichen Zielen

Soweit der Status Quo für Deutschland im Kurzabriss. Doch wie weit ist BIM bei unseren Nachbarn etabliert? Stehen die Österreicher und Schweizer vor den gleichen Herausforderungen wie wir, liegen sie im Vergleich zurück – oder eher weiter vorn? Und was können wir von ihnen lernen, was sie von uns? Diesen Fragen ging der Software-Distributor ComputerWorks im Rahmen der Neuvorstellung seiner BIM-Software Vectorworks 2020 auf den Grund. Architekten unter anderem aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren zum Software-Launch nach Binzen bei Lörrach gekommen. Somit lag es nahe, sie ebenfalls zu diesen Themen um eine persönliche Einschätzung zu bitten.

„Ich glaube, es ist bei den Bauherren noch nicht ganz durchgedrungen, dass es sich um einen verbesserten Prozess des Zusammenarbeitens handelt.“
- Eduard Lepp, KBNK Architekten, Hamburg (D)

Die offene Diskussion mit Architekten und BIM-Beratern zeigte, dass die Herausforderungen bei der BIM-Einführung in Deutschland, Österreich und Schweiz fast identisch sind. Das grundlegende Verständnis sowie das Erkennen des Nutzens digitaler Planungsmethoden bei Bauherren und Investoren ist bisher unzureichend. Das bestätigten alle Teilnehmer für ihr Land. Die Aufgabe für die öffentliche Hand und die Politik muss also sein, BIM-basierte Projekte stärker zu fördern und neue Planungsmethoden einzufordern. Denn sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen.

Forschungsprojekt BIM-basierter Bauantrag
Der BIM-basierte Bauantrag soll in Zukunft eine komplett digitalisierte Einreichung ermöglichen

„Die Geschäftsführung lebt BIM vor. Nur so kann es funktionieren. Zukünftige Projekte werden nach der BIM-Methode geplant.“
-Tina Drahtler, Drahtler Architekten, Dortmund (D)

Von der PDF-Einreichung zum BIM-basierten Bauantrag

Hier gibt es bereits länderspezifische Pilotprojekte, die nun in der realen, breiten Anwendung umzusetzen sind. Jacqueline Tschida, Architektur und BIM-Trainerin aus Wien, verwies beispielsweise auf die Möglichkeit, den Bauantrag bei der Stadt Wien seit diesem Jahr digital einzureichen. Aber: Die Einreichung hat noch nichts mit einer BIM-Planung zu tun. Sie bietet lediglich die Option, eine PDF-Datei sowie JPG oder PNG einzureichen und damit die physischen Plansätze von drei auf einen ausgedruckten Satz zu verringern. Im nächsten Schritt setzt die Stadt Wien nun ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt auf, um den Nutzen und die technischen Anforderungen von BIM, KI und AR im Baubehördlichen Verfahren zu prüfen. Das Projekt soll 2022 abgeschlossen sein. Österreich hat darüber hinaus seit mehreren Jahren einen eigenen Merkmalsserver online, der die Standardisierung und Vereinheitlichung der Parameterstruktur einer BIM-Planung zum Ziel hat. Der sog. „ASI-Merkmalserver“ (ASI = Austrian Standard Institute), eine Open Source-Lösung, ist eine gute Sache, wird aber aktuell durch Bestrebungen der Bauindustrie, einen eigenen Merkmalserver zu etablieren, geschwächt.

BIM-Trainerin Jacqueline Tschida erläutert die Situation in Österreich
BIM-Trainerin Jacqueline Tschida erläutert die Situation in Österreich

„Ich glaube, dass eine große Unsicherheit herrscht, wenn es darum geht, den Weg klar zu sehen. Wir müssen akzeptieren, dass es viele Wege gibt, die – je nach Projekt – eingeschlagen werden können und uns vermehrt den erfolgreichen Prozessen zuwenden.“
-Jacqueline Tschida, Architektur und BIM-Trainerin, Wien (AT)

Merkmalserver erfordern nationale Standards

Marc Pancera, Architekt und Leiter BIM bei IttenBrechbühl Schweiz sieht in der Definition der technischen Standards eine große Aufgabe der nächsten Jahre. Wichtig war ihm darüber hinaus in der Diskussion zu betonen: die klassischen Leistungsphasen, nach denen sehr vergleichbar in Deutschland Österreich und der Schweiz bisher gearbeitet wird, greifen bei BIM nicht. Vielmehr muss zukünftig in Modulen gedacht werden.

Marc Pancera, Architekt und Leiter BIM bei IttenBrechbühl Schweiz
Marc Pancera rief dazu auf, alte Denk- und Handlungsmuster über Bord zu werfen

Marc Pancera: „Man sollte die Leistungsphasen einmal komplett vergessen und sich fragen: Welche Entscheidungsgrundlagen müssen erarbeitet werden und welche Informationen sind dafür in Modellen nötig, um meine BIM-Planung umzusetzen? Dann können diese Informationslieferungen zu Modulen zusammengefasst und auf der Zeitachse verteilt werden – Planung der Planung. Dabei lohnt es sich kleine Module, beispielsweise für eine simple Flächen- und Volumenberechnung nach SIA 416, zu machen.“

„Die jungen Architekten wachsen sozusagen mit CAD auf. Für sie ist es ganz normal, in 3D zu planen, so mein Eindruck. Sie verstehen das Planen grundsätzlich als 3D-Prozess.“
- Johannes Riekert, Neugebauer + Rösch Architekten, Stuttgart (D)

Über diese pragmatische Denk- und Herangehensweise herrschte allgemeiner Konsens in der Gruppe der Fachleute und BIM-Anwender. Ohnehin lagen die Meinungen nicht weit auseinander, was die Optionen zur zeitnahen Implementierung der digitalen Planungsmethode betrafen. Erklärtes Ziel in allen Ländern muss es sein, möglichst zügig eine maschinenlesbare Norm zu schaffen, die für Architekten, Fachplaner und Bauämter a) den BIM-Prozess konkret ausgestaltet und b) für die Bauämter eine schnelle und fehlerfreie Prüfung der Bauanträge ermöglicht.

„Die großen Auftraggeber springen sehr rasch auf den Zug auf. Und wünschen sich: ‚Einmal BIM, bitte!‘ Dies ist leider zu ungenau. Es bietet sich aber die unglaubliche Chance für alle, sich im Klaren darüber zu werden: Was bedeutet denn BIM für uns konkret?“
- Marc Pancera, IttenBrechbühl, Basel (CH)

Mehr als nur ein simples PDF

Der Status des „Digitalen Bauantrags“ ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nahezu gleich: eine Einreichung in Form von PDF ist in verschiedenen Bundesländern und Kantonen bereits möglich. Dabei werden aber keineswegs die im IFC-Modell liegenden geometrischen oder Bauteilinformationen genutzt. Die Wohnflächenberechnung beispielsweise muss bei einer PDF-Einreichung noch immer händisch überprüft werden. Direkt aus dem Planungsmodell gezogen, würden diese Zahlen in wenigen Sekunden vorliegen. Dafür müssten bestimmte Modellattribute, die Geometrie zum Beispiel, in eine Prüfsoftware beim Bauamt übergeben werden.

Das Projekt Ocean 21 von Drahtler-Architekten ist ein offizielles Forschungsprojekt zum Thema Digitaler Bauantrag

Tina Drahtler von Drahtler Architekten aus Dortmund, arbeitet mit den Partnern planen-bauen 4.0, der Ruhruniversität Bochum, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Hamburg an der Festlegung von konkreten Modellierungs-Richtlinien und Prüfregeln, die sinnvoll für einen BIM-basierten Bauantrag sind. Dazu wird der ISO-Standard 16739 (IFC) mit anderen Standards wie GML oder INSPIRE verknüpft und anschließend getestet, wie vollständig der Informationstransport möglich ist. Drahtler Architekten unterstützen diese Betrachtung mit dem Projekt „Ocean 21“, einem Büroneubau, mit Planung und Realisierung. Das Facility Management wird das Gebäudemodell im Anschluss ebenfalls nutzen.

Tina Drahtler: „Das Projekt wurde auch ausgewählt, weil alle Fachplaner die BIM-Methode nutzen und es mit 10 Mio. EUR Bausumme nicht zu groß oder unüberschaubar ist, aber dennoch geometrisch anspruchsvoll. Am Projekt sollen Prüfregeln aufgestellt werden. Das mittelfristige Ziel ist es, eine Merkmalserver-Plattform zu errichten.“

„Wir machen die ersten, ernsthaften Schritte mit BIM. Unser Glück ist, mit einem Projekt direkt in der Ausführungsphase zu starten und sofort in einem kollaborativen Planerteam zu
arbeiten.“
- Patricia Fischer, Staufer Hasler Architekten, Frauenfeld (CH)

„Verschiedene Auftraggeber melden sich mit der Frage: Was kommt auf uns zu? Sie machen sich langsam Gedanken, was BIM in der Zukunft für sie bedeutet.“
- Radek Rukat, e-bau GmbH / BIM-Werkstatt, Basel (CH)

Kollaboration ist unerlässlich

Im gut einstündigen Gespräch wurden viele Punkte andiskutiert. Eine weitere, vertiefende Runde der erfolgreichen BIM-Talks ist daher bereits in Planung. Ein erhellender Fakt, der trotz knapper Zeit für einen längeren Diskurs sorgte: Fachplaner und Architekten kooperieren bisher viel zu selten. Das gilt gleichermaßen für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Eine kollaborative Arbeitsweise ist aber unerlässlich für einen zukünftigen Open BIM-Workflow.

Ohnehin herrschte Einigkeit darüber, dass in offenen Standards, in Open BIM, die Zukunft der Planung liegt.

Marc Pancera von IttenBrechbühl: „Das angenehme an dieser Runde ist: wir kommen aus verschiedenen Ländern. Wir arbeiten mit dem gleichen BIM-Planungswerkzeug, mit Vectorworks, und kennen dessen Anwendung. Dennoch: wir sind uns einig, über offene Standards mit unseren Partnern zu kommunizieren.“

 

Der Artikel von Tim Westphal ist der Ausgabe 1/2020 der Fachzeitschrift build-ing. erschienen.

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